Musikalische Lesung des Grundbildungszentrums Nordsachsen in der Inklusiven Bibliothek in Torgau

Die historische Stadtbibliothek Torgau empfängt ihre Besucher an diesem Nachmittag Ende
März freundlich und warm. Durch die hohen Fenster fällt die Frühlingssonne, die breiten alten
Dielen knarren unter jedem Schritt, als wollten sie erzählen, was sie in den vergangenen
Jahrhunderten erlebt haben. Kunstvollen Stuckdecken und restaurierte Wandmalereien ziehen
die Blicke magisch an. Die Räume sind großzügig geschnitten und in den Nischen zwischen
den Regalen laden rotbraune Stühle in gemütlichen Sitzecken zum Verweilen ein.
Heute lädt Marc Scheibner vom Grundbildungszentrum Nordsachsen zu einer musikalischen Lesung ein. Ihm geht es dabei nie nur um Texte und Lieder: Es geht um Menschen, um Erwachsene, die Lesen, Schreiben, Rechnen oder ihre digitalen Fähigkeiten stärken möchten – und dabei einen Ort brauchen, an dem das Lernen leichtfallen darf. Darum kommt er seit einem halben Jahr regelmäßig in die Stadtbibliothek Torgau, die sich seit 2022 auf den Weg zur Inklusiven Bibliothek gemacht hat. Hier stehen Fachbücher rund um Inklusion, Bücher in einfacher Sprache, diversitätssensible Kinder- und Jugendbücher und Medien zum Thema Demenz bereit. Doch die Bibliothek möchte mehr: Sie möchte ein Ort des Austauschs, der Begegnung und des Lernens für alle sein.
Aus diesem Grund kommt Jaqueline Schreyer bereits seit Jahren mit interessierten
Bewohnerinnen und Bewohnern der Wohnstätte „Am Wasserturm“ der Lebenshilfe Torgau hierher. In der Wohnstätte leben Menschen mit Behinderung, die von Fach‑ und
Assistenzkräften begleitet werden und Unterstützung für ein möglichst selbstbestimmtes,
eigenständiges Leben erhalten. Wöchentlich stöbern sie hier nach interessanten Büchern,
Musik-CDs, Spielen oder DVDs.
Einige aus der Gruppe kennen Herrn Scheibner bereits. Sie haben einen Kurs in der
Volkshochschule bei ihm besucht und freuen sich sichtlich über das Wiedersehen. Sie wissen:
Bei ihm darf man fragen, ausprobieren, lachen, erzählen. Das Grundbildungszentrum bringt
seine Angebote bewusst dorthin, wo Menschen sich wohlfühlen. Lernen soll nahbar sein, alltagsnah, ohne Hürden.

Ein Raum voller Frühling – Gedichte, Lieder, gemeinsames Wachsen
Und so beginnt ein Nachmittag, der weit mehr ist als eine musikalische Lesung. Es ist eine
vertraute Runde. Direkt neben den Regalen und den Aufstellern mit den Medien der
inklusiven Bibliothek wurde der Tisch weggerückt und die Sitzecke zu einem Stuhlkreis
erweitert. Das heutige Treffen steht ganz im Zeichen des Frühlings und des nahenden
Osterfestes. Gedichte aus mehreren Jahrhunderten wechseln sich ab mit klassischen
Volksliedern und modernen Frühlingsliedern. Herr Scheibner hat seine Gitarre dabei und
macht Lust auf das gemeinsame Singen. Die Stimmen der Teilnehmenden mischen sich, mal kräftig, mal zart, aber immer mit Freude.
Zwischendurch wird erzählt – über die Natur, über bekannte Bräuche, über die Hintergründe
des Osterfestes. Es ist ein lebendiger Austausch, bei dem Wissen geteilt und Neues entdeckt
wird. Jeder darf sich einbringen, Fragen stellen, eigene Gedanken äußern. Manchmal
schweifen die Gespräche ab. Von Ostern geht es plötzlich zu Amazon, zu Alltagserlebnissen
oder spontanen Assoziationen. Herr Scheibner nimmt diese Gedankensprünge auf. Er
beantwortet Fragen, bezieht die Gruppe ein und führt die Unterhaltung behutsam zurück zum Thema.
Auch er lernt heute dazu. Nicht nur die Vögel kommen aus dem Süden zurück – auch die
Torgauer Bären erwachen aus ihrem Winterschlaf. Er wusste als Ortsfremder bisher gar nicht,
dass im Schlossgraben Bären leben, und staunt nicht schlecht. Hier kennt sie jeder. Ein Bild
der Torgauer Bären ziert sogar die Fassade der Wohnstätte. Schnell ist beschlossen, dass zum nächsten Treffen im Mai ein Spaziergang zum Schloss ansteht. Herr Scheibner muss Beno und Bea kennenlernen – die Torgauer Bären.
Als die letzten Töne verklingen und die letzten Gedichte gelesen sind, bleibt ein Gefühl von
Verbundenheit im Raum. Diese Lesung ist mehr als ein kulturelles Angebot – sie ermöglicht Teilhabe und gemeinsames Lernen. Ein Stück gelebte Gemeinschaft im Herzen Torgaus.

Stadtbibliothek Torgau
Claudia Eilenberger freut
sich über die rege Nutzung
der Inklusiven Bibliothek




